- ホーム
- > 洋書
- > ドイツ書
- > Fiction
- > novels, tales and anthologies
Description
"Antonela Marusic portraitiert die Orte, die Menschen und die Ereignisse und zeigt das Beste an ihnen, selbst in den Momenten, da sie besonders furchtbar sind. Sie verführt uns regelrecht mit ihrer Prosa." Vid Baric
Nela, die Kleene mit der Prinzeisenherz-Frisur auf dem Fährboot in gelben Yugo-Plastik-Sandalen und dem mütterlichen Proviant ist schüchtern und würd' doch so gern mit den Fremden sprechen, giert nach dem Buntaufregenden, Unbekannten. Am Hafen wartet die Oma, die läuft wie ein Cowboy, sie schmeißt das rechte Bein zur Seite, als wäre ihr linkes kürzer. Wir gehen über den Kai zurück, um möglichst wenig bekannte Gesichter zu treffen, auf diese Weise kommen wir schneller zu Hause an.
»Auf gehts, auf gehts«, treibt sie mich an. Unser Haus befindet sich im Viertel Mrki Rat, ganz oben, am Ende einer schmalen, steilen Gasse mit dem schönsten Blick über die ganze Bucht. Unterwegs quatschen wir über Gott und die Welt, wie zwei Freundinnen, die sich Jahre nicht gesehen haben.
Als Cowboy ausstaffiert, mit Schlapphut, Blechstern und Plastikkugelpistole, reitet Nela auf der altgedienten Eselin, unter dem Sattel eine Decke, die noch aus El Shatt stammt, um die Oma frühmorgens zur Feldarbeit zu begleiten. Die Wildkräuter, Hülsenfrüchte, und vor allem die Nespola, die die Oma hurtig wie ein junges Mädchen über die Trockenmäuerchen kletternd stibitzt, führen zu köstlichen Speisen, deren Zubereitung "wie's Gott gefällt" in keinem heutigen Rezeptbuch zu finden ist. Denn Liebe und uraltes Wissen sind darin die wichtigsten Zutaten.
Auf dem Hof aber kommt es unweigerlich, auch wenn Nela noch so brav den guten Enkelsohn macht, zu brutaler Gewalt: der Barba, der älteste Sohn der Großmutter, Rückwanderer aus dem einstigen Auswandererparadies Australien, lässt ungebremst seine Frustration an der Schwächsten aus: (...) hält mich an der Schulter fest und rüttelt daran. Zieht den Gürtel aus seiner Hose und schlägt mir damit auf die Füße. »Himmel, Arsch und Zwirn, du gibst mir nich so patzige Antworten!« Ich halte die Arme über meinen Kopf und vors Gesicht, keine Chance, seine Hände sind schwer und schnell, und wenn er mit dem Gürtel ausholt, brennt die komplette Haut an der Stelle, auf die er geschlagen hat, ich bekomme kaum Luft. Auf einmal hält er inne, und ich sehe, wie Oma hinter ihm steht und etwas zu ihm sagt. (...)
Doch die Prügel meines Barba sind für mich ein Lehrgang in beruflicher Orientierung: Seit jenem Tag, grünschnäblig und wütend wie ich bin, stähle ich meinen Willen, um eines Tages eine schreibende Rächerin zu werden.
Meine Waffen waren Worte, seine - rohe Gewalt. Er hatte jedes Mal gewonnen, allerdings nie endgültig, er musste immer wieder von Neuem beginnen, erneut zuschlagen. Er schien sein Werk nie beendet zu haben. Im Sitzen mustere ich ihn, suche seinen Körper nach Ähnlichkeiten mit meinem ab. Kann ich vielleicht eine Falte in seinem Gesicht finden, die das Produkt meines Trotzes, meiner Dickköpfigkeit ist? Ich verliere mich in den Linien seiner Haut wie in den engen Gassen des Spliter Ghettos, durch die ich als Teenagerin gern allein gestromert bin, »meinen eigenen Stil« üben.
Beharrlich fragt sie die Großmutter, mit der sie seit dem Tod des Großvaters, in einem Bett schläft, nach dessen Leben aus: schließlich reden alle Jungs davon, dass ihre Opas im Krieg waren und ganz viele Deutsche und Italiener umgebracht oder gefangen genommen haben.
»Dein Dida wollt partout nicht kämpfen, als der Krieg angefangen hat, er wollt nicht zu die Partisanen, eine Weile hams ihn ständig gerufen und gedroht, dass ihn festnehmen und mit dem Schiff nach Vis bringen.«
»Aber warum?«
»Er wollt seine Familie nich allein lassen«, sagt sie nach kurzer Pause. »Ja, Politik war nicht so seins, nich
Antonela Marusic, geboren 1974 in Dubrovnik, Studium der kroatischen Sprache und Literatur. Als Studentin veröffentlichte sie ihren ersten Gedichtband "Season of Escapes", Hrsg. Nationale Universität, Split.
Gründung des Student Literary Club, gemeinsame Anthologie "Clouds", 1999.
Größere literarische Erfolge erzielt sie unter dem Namen Nora Verde. Dann beginnt sie, Prosa zu Themen wie lesbischer Intimität, LGBTIQ-Aktivismus und dem feministischen und queeren Kampf gegen die patriarchalische und konservative Gesellschaft im ehemaligen Jugoslawien zu schreiben.
Sie ist Autorin der Prosabücher "Lend me a smile", "Von Liebe, Prügel und Revolution" sowie der Romane "Bis der Vorrat reicht" und "Mitgift". Ihre Prosa und Gedichte wurden in zahlreichen Sammlungen und Anthologien veröffentlicht und ins Slowenische, Englische, Deutsche, Mazedonische und Albanische übersetzt.
Sie ist eine der Initiatorinnen des wichtigsten kroatischen feministischen Portals Vox Feminae, wo sie als Mitglied des Redaktionsteams an der Bildung eines kollaborativen Netzwerks beteiligt ist. Sie ist Mitglied des kroatischen Schriftstellerverbandes und der kroatischen Gemeinschaft unabhängiger Künstler. Derzeit ist sie als Journalistin und Redakteurin beim digitalen Fernsehsender Vida beschäftigt.
Marie Alpermann (*1988) brachte das Studium der Slawistik nach Halle (Saale), wo sie auch heute lebt. Sie spricht ein bisschen Russisch und Slowenisch, aber am besten BKSM (=Bosnisch/Kroatisch/Serbisch/Montenegrinisch) - von vielen weiter Serbokroatisch oder einfach "unsere Sprache" genannt.
Marie hat ein Jahr in Kyjiw und eines in Ljubljana gelebt und je ein Semester in Sarajevo und Novi Sad studiert. Bevor sie 2019 auf den Beruf der Literaturübersetzerin kam, hat sie ein paar Jahre im bildungspolitischen Bereich gearbeitet, Internationale Freiwilligendienste und später die "Bildungswochen gegen Rassismus" koordiniert.
Da sie die meisten der von ihr übersetzten Bücher selbst aussucht und Verlagen vorschlägt, lässt sie sich bei der Auswahl von ihrem Interesse an zeitgenössischer feministischer, queerer und nationalismuskritischer Literatur leiten. Bisher sind in ihrer Übersetzung u. a. Werke von Lejla Kalamujic, Dragoslava Barzut, Jelena Lengold, Jasminka Petrovic, Senka Maric, Biljana Jovanovic und Masa Kolanovic erschienen. Um die Autor*innen hierzulande bekannter zu machen, aber auch dazu beizutragen, dass das Literaturübersetzen an sich noch mehr in den Fokus rückt, organisiert sie selbst ab und zu Lesungen mit den Autor*innen und liest aus ihren Übersetzungen.
In den letzten Jahren hat sie an zahlreichen Werkstätten zum Literaturübersetzen teilgenommen und schätzt den Austausch und das Feedback von Kolleg*innen sehr. Für ihre Arbeit hat sie bereits einige Stipendien bekommen (u.a. vom Deutschen Übersetzerfonds, der Kunststiftung Sachsen-Anhalt, vom Freundeskreis Literaturübersetzer und von TRADUKI).



