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Description
"Dort standen die beiden, Ingrid Vogel und Kurt Wellenkind, die bewaffnete Untergrundkämpferin und der Leiter der Sicherheitsgruppe, Hüfte an Hüfte am westlichsten Punkt des atlantischen Europas; eng umschlungen lehnten sie an einer zweihundert Jahre alten Kanone und beobachteten das lautlose Gleiten der Boeing in Richtung Flughafen."
Sie sind ein ungewöhnliches Paar - das ehemalige RAF-Mitglied Ingrid und ihr Jäger aus dem BKA, der ihr zur Flucht verhilft, hatte er sich doch beim Lesen ihrer Fahndungsakte samt Foto unsterblich in sie verliebt. Die letzten gemeinsamen Tage verbringen sie in Lissabon, der Stadt des Dichters Pessoa, der Exilanten auf der Flucht vor den Nazis, der Nelkenrevolution. Zwischen ihnen steht Ingrids Schlüsselroman, den sie im fernöstlichen Exil schreiben will und den ihr Geliebter ihren Gedanken "abliest", raffiniert eingeflochten in die verschiedenen Erzählebenen.
Ingrids Roman im Roman spielt in einer Gesellschaft namens Renaissance, die hinter einer sozialdemokratischen Fassade von einer geheimnisvollen Macht beherrscht wird, den Bienenkörben. Sie agieren im Verborgenen und kontrollieren die von kollektivem Gedächtnisverlust befallene Gesellschaft, deren Individuen keinerlei Erinnerung an ihre Kindheit haben. Wissenschaftler und Intellektuelle forschen zu verschiedenen Zeiten in Kollektiven nach ihrer Herkunft und ihrer Geschichte. Ihr Schrifttum, niedergelegt in Archiven, bildet die dritte Handlungsebene des Romans. Ingrid verschlüsselt hier ihre Erfahrungen aus dem Untergrundkampf und erweist sich als die stärkere Akteurin, da leidensfähiger, kampferprobter: Niemand wird ahnen, dass ich eine wahre Geschichte unserer Epoche geschrieben habe.
Volodine verfolgt die literarische Strategie der Unsicherheit, nie kann der Leser, die Leserin ganz sicher sein, wo er oder sie sich befindet, da alles sich aus der Vorstellungswelt der Protagonisten entwickelt. Eins ist jedoch spürbar: Hier wirkt eine untergründige Erschütterung, die immer wieder offen als das aufbricht, was sie ist: die Folge von Gewalterfahrungen, die über die Jahrzehnte weitere Gewalt nach sich ziehen, und die Trauer um eine verlorene, vielleicht nie als solche existente Utopie (da immer schon mit der Gewalt vermählt).
Mit großer poetischer Kraft und unbezähmbarer Phantasie entwirft der Autor ein Requiem der Nachkriegswelt, in dem er der Zeit der linken Gruppen in Europa zum Abschied zuwinkt, die gängigen Totalitarismen auseinandernimmt, seiner Frustration über das Scheitern aller Revolutionen zum schmerzlichen, teils sogar erschreckend humorvollen Ausdruck verhilft. Literarische Politfiction von atemberaubendem Sog.
Antoine Volodine, geb. 1950 in Chalon-sur-Saône, Russischlehrer, Übersetzer, Autor von bis heute erschienenen 21 Romanen.
Sein russischklingendes Pseudonym erklärt er so: Stets hat der Westen "Russland" und "Bolschewismus" gleichgesetzt. Mein Name also ist eine Herausforderung, ein Rest jugendlicher Aufmüpfigkeit, die erhobene Faust vor den trübsinnigen Gesichtern der westlichen Erwachsenen.
Erfinder eines einzigartigen literarischen Kosmos: des Post-Exotismus. Weitere Texte aus diesem Kosmos stammen von Eli Kronauer, Manuela Draeger, Lutz Bassmann und jüngst (2022) von Infernus Iohannes, einem fiktiven Autoren- und Übersetzerkollektiv.
Volodine wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Prix du Livre Inter (2000 für die Narrate Des anges mineurs) und dem Prix Medicis (2014 für den Roman Terminus radieux). Die Heteronyme, derer er sich bedient, sind in dem Band Le post-exotisme en dix leçons, leçon onze, Paris 1998, aufgeführt. Seine Werke wurden in mehr als zehn Sprachen übersetzt. Auf Deutsch erschienen bisher Alto Solo (Berlin 1992), Dondog (Frankfurt/Main 2005) und Mevlidos Träume (Berlin 2011)



