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Description
(Extract)
"Das erste Opfer
Er hatte nicht gewusst, dass Sterben so schwer war. Jetzt erbrach sie sich auch noch, und was immer sie gegessen hatte, es rann als dunkelvioletter zäher Brei über ihr Kinn, tropfte auf ihre sonnengebräunten Unterarme und landete schließlich neben ihren Händen lautlos auf der warmen Erde. Zielstrebig näherte sich eine Ameise der Masse und erklomm sie, ohne zu zögern.
Es schüttelte ihn vor Ekel, und sein Magen revoltierte. Er schwitzte, doch er zwang sich, seinen Blick von ihrem verzerrten Gesicht und dem zuckenden Körper abzuwenden und in den makellos blauen schleswig-holsteinischen Maihimmel zu schauen. Dankbar betrachtete er zwei Kumuluswolken, die träge über ihn hinwegglitten, streifte kurz das fast schon schmerzhaft leuchtende Gelb des Rapsfeldes und starrte schließlich auf das in allen denkbaren Grün-Varianten schimmernde Buchenwäldchen direkt gegenüber. Er wusste, dass es Buchen waren. Sie hatte ihm auf einem Spaziergang letzten Sommer mit ihrer hohen, tragenden Stimme eine naturkundliche Lektion erteilt. Er selbst hatte von Fauna und Flora nicht allzu viel Ahnung. Alle Pflanzen, ob groß oder klein, waren für ihn in erster Linie grün und mehr nicht.
Allen Mut zusammennehmend, blickte er ihr wieder ins Gesicht. Die Fassungslosigkeit, die in ihren Augen stand, ihre rechte Hand, die sich in diesaftige, pralle Hundeblume direkt neben ihrem Kopf krallte, trafen ihn wie ein Faustschlag in die Magengrube und ließen sein Herz klötern wie eine alte Hydraulikpumpe. Er würgte und unterdrückte den spontanen Wunsch, sich neben sie zu knien und ihr zu helfen. Irgendwie. Stattdessen trat er behutsam einen Schritt zurück und suchte den Schutz des Knicks.
'Bi - bi - bi -', röchelte sie und schnappte krampfhaft nach Luft, während ihr linker Arm plötzlich wie losgelöst durch die Luft peitschte.
Lange konnte diese Prüfung doch nicht mehr dauern!
'Bbbphh -', keuchte sie erneut, sehr schwach schon, und plötzlich sah er es in ihren Augen: Sie wusste, dass sie sterben musste. Sie wusste, dass er ihr nicht helfen konnte. Sie wusste beides. So war der Plan. Er hatte ihn auch nicht gleich erkannt. Doch jetzt war alles klar. Ihr Schicksal lag nicht mehr in seiner Hand. Seines damit selbstverständlich auch nicht. Er ahnte jedoch, dass ihr dies im Moment völlig gleichgültig war, und er verstand sie sogar.
Eine Biene krabbelte direkt über ihr rotes geschwollenes Gesicht. Fasziniert beobachtete er, wie das kleine haarige Wesen anfing, ihre Nasenlöcher zu erkunden. Ohne es zu bemerken, löste er sich wieder aus dem Schutz des Knicks, während sie versuchte, das Tier mit einer matten, unkontrollierten Handbewegung zu verscheuchen. Es gelang ihr tatsächlich.
Die Biene sirrte zu ihrem Kasten zurück, der in einer Reihe mit den anderen am Rande des Rapsfeldes stand. Ausgerichtet und aufrecht wie Zinnsoldaten ragten die Körbe aus dem gelb wogenden Meer hervor. Vor zwei Wochen hatten sie noch nicht hier gestanden. Doch auch das machte Sinn. Natürlich. Er gestattete sich den Anflug eines Lächelns. Der unbekannte Imker hatte, ohne es zu wissen, zielsicher genau die Stelle ausgewählt, an der sie oft spazieren ging ..."
(Author portrait)
Ute Haese, geb. 1958, promovierte Politologin und Historikerin; war zunächst als Wissenschaftlerin tätig, wobei sie sich schwerpunktmäßig mit moralisch-ethischen Fragen beschäftigte. Neben wissenschaftlichen Veröffentlichungen schrieb sie zahlreiche journalistische Kommentare zu politischen und sozialen Themen sowie mehrere Sachbücher.
Seit 1998 arbeitet sie als freie Autorin und widmet sich inzwischen ausschließlich der Belletristik im Krimi- und Satirebereich. Ute Haese lebt mit ihrem Mann am Schönberger Strand bei Kiel.



