Description
»Das Gesetz des tendenziellen Falls der Vernunftrate ist noch schwerer zu fassen als das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate bei Marx. Denn anders als dieses macht es auch vor sich selbst nicht halt und untergräbt so noch die Möglichkeiten seiner eigenen Erkenntnis. Es handelt sich um eine Tendenz, die nur im Voraus erkannt werden kann - dann, wenn sie noch nicht vollständig Wirklichkeit geworden ist.« Seit den 1970er Jahren polemisiert Russel Jacoby mit spitzer Feder gegen die ideologischen Identifikationsangebote der falschen Gesellschaft, die auch Linke in ihren Bann zu ziehen vermögen, sobald sie nur im Gewand von Kritik und Emanzipation oder individueller Selbstverwirklichung daherkommen. Bei seinen Essays und Polemiken handelt es sich um eine Auseinandersetzung mit den Vorläufern der damals noch im Entstehen begriffenen »Identitätspolitik« und der sich abzeichnenden Assimilation der Gesellschaftskritiker an den akademischen Betrieb.Schon früh bemerkt Jacoby, dass der um sich greifende Subjektivitätskult eine direkte Reaktion auf den gesellschaftlichen Niedergang der Subjektivität darstellt: die Linke kompensiert ihre Unfähigkeit zur Trauer über den Verlust des bürgerlichen Individuums und das Ausbleiben der Revolution ohne weiteres Federlesen durch die Adaption von Individualismus, Pluralismus, Multikulturalismus und »Diversity«. »Die Rede von der revolutionären 'Gegenkultur'«, so Jacoby, »bleibt so lange das Geschwafel der Kulturindustrie selbst, wie die Linke nicht begreift, dass sie eins mit der vorherrschenden Kultur ist. Was immer der Linken als einzigartige und bahnbrechende rebellische Praxis erscheint, im Establishment ist diese schon gang und gäbe, zumindest in der Avantgarde.«Am Ende des Projekts radikaler Kritik wartet darum eine Überraschung, die das Ende der Utopie besiegelt: Im selben Maß, in dem die Hoffnungen auf Sozialismus und Revolution verschwinden und das utopische Denken vergeht, definieren auch linke Intellektuelle ihre Rolle neu; sie begreifen sich selbst als das, was sie sind, nämlich als Hochschullehrer, Wissenschaftler und »Kulturschaffende«, die sich und ihre »Identität« im »Diskurs« zu vermarkten haben. Indem sie heute den akademischen Betrieb oder ihre (Gegen-) Kultur verteidigen und das eigene Mitmachen so mit höheren Weihen versehen, sind diese Intellektuellen keine Radikalen mehr, sondern Ideologen, Apologeten ihrer selbst, ihrer Institutionen und der falschen Gesellschaft.Die hier erstmals in deutscher Sprache veröffentlichten Aufsätze präsentieren eine Auswahl von Jacobys wohl pointiertesten und provokantesten Thesen aus über fünf Jahrzehnten.
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