Description
Wer waren die NS-Täter:innen? Welche Handlungsoptionen besaßen sie? Unter welchen Bedingungen wurden sie zu Täter:innen? Wie lässt sich Täter:innenschaft definieren? Politische Biographien von NS-Täter:innen untersuchen das Wirken dieser Personen bislang fast nur vor und während des Nationalsozialismus. Ihr weiteres Wirken nach dem Zusammenbruch des »Dritten Reiches« 1945 findet hingegen nur Erwähnung als Nachgeschichte des Nationalsozialismus sowie als »Vergangenheitspolitik«. Eher selten werden diese Biografien als Bestandteil einer Vorgeschichte der postnationalsozialistischen Gesellschaften interpretiert. Dieser Band versammelt Beiträge junger Historiker:innen, die in biografischen »Sonden« und mit Blick auf die individuellen Deutungen von biografischen Umbrüchen und (Dis-)Kontinuitäten der leitenden Frage nach Legitimations-, Selbstviktimisierungs- und Abgrenzungsstrategien von NS-Täter:innen in den post-nationalsozialistischen Gesellschaften Österreichs, der Bundesrepublik und der DDR nachspüren. Inhalt
Vorwort .........................................................7
Bertrand Perz
Einleitung .......................................................11
Oliver Gaida, Kathrin Janzen, Stefan Jehne und Yves Müller
Lucifer ante portas? Der Ex-Gestapochef Rudolf Diels (1900-1957) und der »Fall John« ...................................................37
Hans-Christian Jasch
»... der den Mut oder Eigensinn besitzt, weiter an Idealen festzuhalten ...« Der Jurist Dietrich Allers (1910-1975) ................63
Kathrin Janzen
Die »Agency« der Ärzte. Die Mauer-Öhlinger »Euthanasie«-Morde vor dem Volksgericht ................................................85
Philipp Mettauer
Rückblicke in die Gegenwart: Selbstverfasste Lebensläufe von Mitgliedern der Österreichischen Akademie der Wissenschaften nach 1948 ............................................................111
Sandra Klos
Doppelter Neustart in Ost und West. Der Erbgesundheits- und SS-Richter Werner Kühn (1892-1979) ..............................123
Stefan Jehne
Die Nazi-Vergangenheit von Associated Press. Der Schreibmaschinentäter Carl Flick-Steger (1899-1969) ................143
Norman Domeier
Herbert Reinecker (1914-2007). NS-Propagandist und Derrick- Erfolgsautor .....................................................161
Haydée Mareike Haass
»Ein Österreichischer Minsk-Prozess?« Biografische Zugänge zur österreichischen Strafverfolgung von NS-Tätern am Beispiel von Helmut Heiss (1913-1985) und Johann Kunz (1898-?) .................191
Gero Wollgarten
»Die SA war der Aufstand der Anständigen«. Narrative der Selbst- Verharmlosung von SA-Angehörigen nach 1945 am Beispiel von Herbert Böhme (1907-1971) und Wilhelm Schepmann (1894-1970) ............215
Yves Müller
Autorinnen und Autoren ..........................................231 Oliver Gaida ist Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas im Ausstellungsprojekt »Die Verleugneten. Opfer des Nationalsozialismus«. Kathrin Janzen, M.A., ist Historikerin und Doktorandin am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien. Stefan Jehne, M.A., ist Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Gedenkstätte Hadamar. Yves Müller, Dr., ist Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Landesgeschichte/Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt in Halle (Saale). »Dass der Titel die Agency der NS-Täter:innen nach 1945 als Thema verspricht, der Band aber fast ausschließlich Täter einbezieht, hätte zudem eine Begründung verdient; die Herausgeber:innen verhandeln die Geschlechterfrage in der Einleitung ausführlich, aber nur in einer Fußnote. Das mindert nicht, was der Band bietet: sorgfältig gearbeitete Fallstudien, die einzeln überzeugen und in der Summe zeigen, dass der biografische Zugriff auf die Zeit nach 1945 mehr ist als ein Epilog. Lesenswert ist das Buch für die Täter- und Behördenforschung, für die Justiz- und Mediengeschichte der Nachkriegszeit und besonders für die österreichische Aufarbeitungsdebatte, zu der die Publikation einen dezidierten, durchaus politischen Beitrag leistet.« Angelina Pils, H-Soz-Kult, 03.09.2026



