Full Description
Luisa Lehning befasst sich mit der rechtsdogmatischen Verarbeitung des Konzepts der Intersektionalität unter Berücksichtigung von Diskriminierungsstrukturen. Im Zentrum steht die Frage, inwieweit das kategoriale System des deutschen Verfassungs- und Antidiskriminierungsrechts die Benachteiligung mehrfach marginalisierter Personen adäquat erfassen kann. Nach einer Einführung in die grundlegenden Begriffe erläutert sie die Möglichkeit und Notwendigkeit einer mehrdimensionalen Auslegung von Art. 3 Abs. 3 GG. Im Hinblick auf die rechtliche Erfassbarkeit analysiert sie zunächst postkategoriale Ansätze wie den Anti-Stereotyping Approach und den Vulnerabilitätsbegriff. Sie geht außerdem der Frage nach, inwieweit dogmatische Figuren wie etwa Grundrechtskonkurrenzen und -kumulationen sowie additive Grundrechtseingriffe, die ursprünglich für die Freiheitsgrundrechte entwickelt wurden, übertragen werden können. Ausgangspunkt ist das den Gleichheitsrechten im Grundgesetz und in der Rechtsprechung häufig zugeschriebene „Schattendasein". Es äußert sich darin, dass Freiheitsrechten oft ein Vorrang eingeräumt wird und die gleichheitsrechtliche Dogmatik weniger stark ausgeprägt ist. Dadurch gerät die Benachteiligungsdimension, die insbesondere für Minderheitengruppen relevant ist, in den Hintergrund. Als Ergebnis entwickelt die Autorin ein dogmatisches Raster, mit dem rechtlich bislang zu wenig beachtete mehrdimensionale Ungleichbehandlungen sichtbar gemacht und ihre spezifische Intensität für Angehörige marginalisierter Gruppen bestimmt werden kann.
Contents
Einleitung
Kapitel 1: Grundlagen der mehrdimensionalen Diskriminierung
A. Gleichheit, Diversität und Diskriminierungen
B. Intersektionalität und mehrdimensionale Diskriminierung
C. Gleichheitssätze des Art. 3 GG
D. Weitere Diskriminierungsverbote
Kapitel 2: Möglichkeiten und Grenzen eines mehrdimensionalen Verständnisses von Art. 3 Abs. 3 GG
A. Verteilung der Deutungshoheit
B. Mehrdimensionales Verständnis von Art. 3 Abs. 3 GG als Ergebnis dynamischer Grundrechtsinterpretation
C. Individualisierung oder Abstrahierung von Identität?
Kapitel 3: Beispiele mehrdimensionaler Fallkonstellationen
A. „Kopftuchverbote"
B. Frauen mit Behinderung
C. Intersektion von Geschlecht und Alter
D. Zwangssterilisierung von Romnja
E. Racial Profiling
F. Geschlechtsspezifische Migrationsregelungen
G. Intersektionalität und Intertemporalität
Kapitel 4: Grundrechtsdogmatische Erfassung von Interdependenzen und Kumulationen
A. Anti-Stereotyping Approach und besondere Vulnerabilität
B. Zusammenwirken von Grundrechten: Konkurrenzen und Kombinationen
C. Strukturen adressieren: Additive Grundrechtseingriffe und Belastungskumulationen
D. Zusammenfassung: Kumulationen von Eingriffs- und Ungleichbehandlungsparametern
Kapitel 5: Mehrdimensionale Dogmatik der Gleichheitsrechte
A. Strukturäquivalenzen von Freiheits- und Gleichheitsrechten
B. Mehrdimensionale Prüfungsstruktur von Art. 3 Abs. 3 GG
Zusammenfassung in Thesen



